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Thursday, 9. September 2010, 05:44 Uhr | Diese Seite wurde eingestellt am Tuesday, 16. June 2009, 21:07 Uhr | letztes Update der Seite:16.06.2009, 21:07 Uhr

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Pina light – das Stück der kleinen Gesten

Das neue Stück von Pina Bausch

Am 12. Juni 2009 feierte im Wuppertaler Opernhaus ein neues Stück von Pina Bausch feierte seine Uraufführung. Wie immer noch ohne Titel. Im Programmheft, welches auch keine wirkliche Hilfe ist und auch nicht sein soll, ist nur zu lesen: Uraufführung 2009 – Ein Stück von Pina Bausch. Und wieder strömen die Fans aus aller Welt nach Wuppertal um der großen Choreografin Tribut zu zollen. Pina Bausch, mittlerweile fast 69 Jahre alt, hat ein leichtes, junges Stück Tanztheater geschaffen, in dem auch wieder mal gelacht werden kann.

von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Der neue Tanzabend ist laut Programmheft eine Koproduktion mit dem Teatro Santiago a Mil und dem Goethe-Institut Chile. Das Ensemble rund um Pina Bausch war einmal mehr auf Reisen und hat die Menschen Chiles kennen gelernt.
Eifrige Bausch-Fans wissen, dass jetzt nicht, wie man glauben könnte, ein Stück über Chile dabei herausgekommen ist. Vielmehr kann man Chile in der Auswahl der Musik heraus hören und wird durch kleine Geschichten sichtbar, die sich nicht nur in der chilenischen Lebensart finden lassen. Obwohl einmal ein Tänzer doch in traditioneller Kleidung auf der Bühne sitzt - in einem bunten Poncho.
Waren Pina Bauschs früheren Werke durchzogen von der Wucht zwischenmenschlicher Ausbeutung der Gefühle, Geschlechterkampf und Machtstreben, finden sich diese Elemente nur noch vereinzelt in dem neuen Stück wieder.
Das ist leicht und munter, was sich sogar auf die Länge des Stückes auswirkt. Waren früher drei Stunden und mehr keine Seltenheit, reichen Pina Bausch heute nur noch zweieinhalb Stunden inklusive einer Pause, um einen ganzen Kosmos der Gefühle zu verarbeiten.
Die Bühne wirkt einmal mehr schlicht und einfach, frei nach dem Motto: Weniger ist mehr. Man könnte es mit den Worten der großen Diseuse Georgette Dee sagen: "Mehr ist mehr!"
Wirkliche Fans wird es nicht von den Stühlen reißen, wenn sich der weiße Bühnenboden wie von Geisterhand oftmals in einzelne Stücke auseinanderreißt und tiefe Löcher zeigt. Das wirkt wie Eisschollen die auseinander driften. Ist das Leben erstarrt oder zeigt uns das Stück einen Aufbruch? Das muss jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden. Allerdings hofft der Fan doch auf große Bilder und dramatische Höhepunkte wie z. B. der Tanz im Regen in dem Stück VOLLMOND. der Wasserfall in dem Stück EIN TRAUERSPIEL oder das Schiff aus DAS STÜCK MIT DEM SCHIFF. Leider wird der Zuschauer etwas enttäuscht, denn diese großen Höhepunkte finden hier nicht statt.

Hier sind es eher die vielen kleinen Gesten auf die es in diesem Stück ankommt. Als großes Bild wird mal wieder ein Vorhang herabgelassen auf dem ein Videofilm gezeigt wird. Vor diesem fließenden, reißenden Wasser wird getanzt. Dieser Kunstgriff ist nicht neu, man kennt es aus einigen anderen Stücken, wie z. B. O DIDO oder NUR DU.
Und doch beinhaltet dieses neue Stück einige bemerkenswerte Einzelheiten. So spannt z.B. ein Tänzer ein langes Seil diagonal über die Bühne, um an dem Seil bis zur anderen Seite zu hangeln.
Für eingefleischte Fans wird dieser Tanzabend zu einer Art Quintessenz der Bausch-Stücke. Die Tänzer und Tänzerinnen singen, tanzen und erzählen kleine Geschichten. Auch das ist ein immer wiederkehrendes Element des Tanztheater der Pina Bausch.

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Wo sind denn nun die vielen heiteren kleinen Gesten?


Es gibt sie zuhauf in diesem neuen Stück: Ein Mann und eine Frau umarmen sich und werden immer wieder von anderen Männern auseinander gerissen. Eine Frau breitet ihr Kleid aus, ein Mann hält sie, als ob es ein Drachen im Wind wäre. Eine Frau liegt über den Beinen zweier Herren, die ihre Bauchübungen vollziehen. Die Frau feuert sie an. Ein Tänzer lässt eine Geldbörse vor die Füsse eines Paares fallen. Der Mann bückt sich und ist abgelenkt. Der andere küsst in der kurzen Zeit, die ihm bleibt, die Frau. Ein Mann schlägt einen Seidenschal um die Beine einer Tänzerin. Zwei Frauen zeigen wie man mit wenigen Handgriffen ihre BH’s unter einem Kleid ausziehen kann, ohne das Kleid auszuziehen. Ein Schlauch macht beim Herumschleudern unheimliche Geräusche. Eine Frau hängt sich an den Hals eines Tänzers. Er schaukelt die Frau vor sich hin und her, wie eine Glocke. Die Herren spucken Korken auf die Bühne, die Damen sammeln sie wieder ein.
Das kommt mal lustig, mal schräg und bizarr daher. Einen roten Faden wird man vergeblich suchen. In allem steckt aber ein Hauch gelebtes Leben, wir müssen nur genau hinschauen, fordert uns Pina Bausch wieder mal auf.

Das Ensemble um die große Choreografin hat sich fast komplett erneuert und verjüngt. Nur ein Tänzer der „alten Schule“ tanzt in diesem neuen Stück mit. Er heißt Dominique Mercy und tanzt wieder hinreißend. Sein Paartanz unter Männern ist absolut sehenswert.
Überhaupt tanzt das ganze Ensemble auf hohem Niveau. Mal heiter ausgelassen, mal dramatisch erschöpfend. Die Frauen dürfen wieder ihre langen Haare fliegen lassen und das ist sehr schön anzusehen.
Marion Cito hat wieder eine wunderbare Auswahl der Kostüme getroffen. Sie sind leicht und luftig. Frühlingsfarben für die Damen. Die Herren sind meist in dunkler Kleidung unterwegs. Auch das kennt man ja schon.
Und auch die Geschlechterrollen werden gebrochen. So trägt ein Tänzer lange Ohrringe und fragt das Publikum, als es zu lachen beginnt: „Was ist?“ Er nimmt dann die Ohrringe ab und sagt: „Oh, sorry.“ Ein anderer Tänzer schreitet mit knallroten hohen Stöckelschuhen über die Bühne.

Und endlich kommt auch ein Gruppentanz wieder auf die Bühne. Die Frauen liegen dicht neben einander auf dem Bauch und es wird eine Bewegungsabfolge zur Musik zu einem liegenden Tanz, die Herren weiter hinten auf der Bühne liegend wiederholen diese Bewegungen. Das begeistert und ist einfach wunderschön. So lange waren diese Elemente nicht mehr in einem Bausch-Stück. Unvergessen bleiben diese Bewegungen vom Gleichklang des ganzen Ensembles in Pina Bauschs Stücken NELKEN oder AUF DEM GEBIRGE HAT MAN EIN GESCHREI GEHÖRT. Das neue Stück erinnert auch ein bisschen daran.

Alles in allem ein wunderbarer Tanzabend, der viele der Gemeinsamkeiten vorheriger Bausch-Stücke zu bündeln scheint, nur leichter und lockerer. Das kommt auch von den vielen fremdartigen Musikstücken, die noch lange nachschwingen. Natürlich gibt es wieder stehende Ovationen für Pina Bausch und Ensemble zum Schlussapplauss. Einen Buhrufer gab es auch, aber der ging unter in den vielen Bravorufen.


Die Aufführungen im Opernhaus Wuppertal:
14., 16., 17., 19., 20., Juni 2009

Karten gibt es unter:
Topticket-service@wsw-online.de

Weitere Informationen unter:
www.pina-bausch.de
Hier findet man auch den aktuellen Tourenplan und Informationen zu allen Stücken.
Neues Stück 2009 (Arbeitstitel)
von Pina Bausch
In Koproduktion mit dem Festival International de Teatro Santiago a Mil und dem Goethe-Institut Chile
Inszenierung und Choreographie: Pina Bausch, Bühne und Videoprojektion: Peter Pabst, Kostüme: Marion Cito, musikalische Mitarbeit: Matthias Burkert, Andreas Eisenschneider
Mit: Pablo Aran Gimeno, Rainer Behr, Damiano Ottavio Bigi, Ales Cucek, Clémentine Deluy, Silvia Farias Heredia, Ditta Miranda Jasjfi, Nayoung Kim, Eddie Martinez, Dominique Mercy, Thusnelda Mercy, Morena Nascimento, Azusa Seyama, Fernando Suels Mendoza, Anna Wehsarg, Tsai-Chin Yu


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