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Saturday, 11. September 2010, 03:09 Uhr | Diese Seite wurde eingestellt am Tuesday, 2. March 2010, 18:34 Uhr | letztes Update der Seite:08.03.2010, 18:34 Uhr

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„Pina Bausch lebt!“


Oder besser gesagt Pina Bauschs Erbe lebt in ihren Stücken weiter. Und wie. Ein Frühwerk von Pina Bausch lockt nach Wuppertal und alle Fans kommen um dem weltberühmten Tanzensemble zu huldigen und zu sehen, ob das Tanztheater Wuppertal es auch nach der Stunde Null schafft, nach dem Tod von der großen Choreografin Pina Bausch im September letzten Jahres, den Geist und das Werk aufrechtzuerhalten.

Von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Das Frühwerk aus dem Jahre 1977 heißt KOMM TANZ MIT MIR und hat echte Haupt- und Nebenrollen und das Erstaunlichste einen schlüssigen roten Faden, für all diejenige die sich unbedingt an einem Faden durch die Geschichte hangeln wollen.

In den meisten Werken Pina Bauschs gibt es Leitsätze, Gedankenfetzen und bruchstückhafte Ideen, wie Puzzleteile, aber aus verschiedenen Puzzlebildern.

Anders in KOMM TANZ MIT MIR. Eine Tänzerin in rotem Kleid und ein Mann in weißem Anzug sind die Hauptprotagonisten. Josephine Ann Endicott und Urs Kaufmann verkörpern diese Charaktere. Zwei „alte“ Hasen aus dem Pina Bausch Ensemble. Josephine Ann Endicott war auch 1977 bei der Uraufführung die Frau in Rot.

Am Anfang steht eine weiße Wand vor dem Publikum und verdeckt die gesamt Bühne. Ein Mann in weißem Anzug liegt in einem Liegestuhl und beobachtet nur durch eine offene Tür in der Wand das Geschehen dahinter. Tänzerinnen gehen barfuss hin und her, später legen sie sich auf den Boden, die Tänzer schreiten in schwarzen Mänteln mit Hüten an den Damen vorbei. Kurze Zeit später wird die weiße Wand nach oben gezogen und gibt den Blick auf eine weiße Riesenrutsche frei, die nach hinten immer höher wird. Einige Male an diesem Abend werden die schwarz gekleideten Herren auf der Rutsche nach oben klettern und wieder herunterrutschen.

Der Herr in Weiß und die Dame in Rot lernen sich kennen. Er fragt sie: „Sind Sie schon lange hier? Warten Sie auf jemanden?“. Die Frau ist schüchtern und antwortet nicht. Neckische Annäherungen folgen. Der Herr in Weiß vertreibt andere Frauen: „Verschwinden Sie, sie stören hier nur.“ Die Frau in Rot preist sich an. Sie betont ihre weiblichen Rundungen in Tanzbewegungen. Dann beginnt die eigentliche Geschichte des Paares. Sie fordert ihn auf zu tanzen: „Komm tanz mit mir, komm tanz mit mir, ich hab ne weiße Schürze für, lass nicht ab, lass nicht ab, bis die Schürze Löcher hat.“ Nach und nach kommen die schwarzen Herren dazu und unterstützen sie in ihrer Aufforderung. Doch der Mann nimmt keine Notiz mehr von der Frau. Die Frau fleht ihn immer energischer an mit ihr zu tanzen. Immer mehr leidet die Frau unter dieser Nichtbeachtung, sie wird krank dabei und windet sich auf dem Boden, aber der Mann bleibt dabei und tanzt nicht.

Er will lieber eifersüchtig gemacht werden von der Frau. Allmählich wird er zum Pascha und benutzt das Werben der Frau um den Spieß herumzudrehen. Er fordert allerlei Gesten von der Frau und die Dame versucht ihr Bestes um „ihrem“ Mann zu gefallen.

Die Frau soll „Ich liebe Dich“ sagen, aber so dass der Mann es glauben kann. Sie schafft es nicht ihn zu überzeugen. Sie soll einen Striptease machen, soll auf ihn zu gehen und sich auf seinen Schoß setzen, dabei ein Lied singen. Aber was die Frau auch unternimmt um dem Mann zu gefallen, er stößt sie immer wieder von sich. Zwischendurch muntert sie ihn wieder auf: „Komm tanz mit mir...“. Der Mann lacht die Frau aus, führt sie vor, macht sie lächerlich. Eine andere Frau betrinkt sich dazu und lacht hysterisch. Das kann Frau wohl alles nur noch im Suff ertragen.

Die Frau in Rot zeigt dem Manne wie schmerzlich alle ihre vergeblichen Mühen und Gesten waren und führt diese Gesten dem Manne immer wieder voller Verachtung vor.

Zu dieser Szene wird eine andere Frau auf Händen getragen und die Tänzer halten Birkenbäume über die „reine Unschuld“ die da über die Bühne getragen wird.

Die anderen Frauen schauen manchmal nur mit ihren Köpfen aus Verstecken. Sie sind zu unbeteiligte Beobachter geworden und können nicht helfen, nichts gegen diese männliche Macht ausüben. Die Tänzer wollen dass die Frauen singen und jagen sie über die Bühne mit Stöcken. Ein Tänzer bedroht eine Frau mit einer Baumgabel und stößt sie die Rutsche hoch.

Der Mann in Weiß fällt um und über ihn werden schwarze Mäntel ausgebreitet. Irgendwann steht er wieder auf und die Frau in Rot beginnt ihn „von der Schuld“ zu befreien. Sie entblättert Mantel für Mantel und sagt: „Ich habe Schuld“. Doch der Mann streitet sich mit der Frau um die Schuld. Jeder will die Schuld auf sich nehmen. Und endlich ist der Mann bereit, fast wie in Trance mit der Frau zu tanzen. Sie stehen nebeneinander und sind doch weiter voneinander entfernt als am Anfang des Stückes. Sie wispern nur noch erschöpft: „Komm tanz mit mir...“ und versuchen den Tanzschritt, der nur noch mit Mühe gelingt. So weit die Hauptgeschichte. Deutlicher hat Pina Bausch ihr Hauptthema, des Geschlechterkampfes nur in ihrem Stück KONTAKTHOF dargestellt.

Und das geschieht noch alles in KOMM TANZ MIT MIR: Eine Frau wird liegend an einem Bein über die Bühne gezogen, sie singt dazu ein Lied. Eine Frau wirft Hüte vor sich und geht nur über die Hüte über die Bühne. Ein Tänzer sitzt als Angler hoch oben auf der Rutsche. An der Angelschnur hängt ein schwarzer Hut. Später wirft der Angler seine Angel im Publikum aus. Manche Zuschauer setzen sich den Hut auf, werfen ihn weiter oder zurück zu dem Angler. Eine Frau liegt auf einer Birke und wird von einem Tänzer über die Bühne gezogen.

Pina Bausch verzichtet in dem Stück KOMM TANZ MIT MIR gänzlich auf Musik vom Band. Immer wieder singen die Tänzer und Tänzerinnen die alten Volkslieder selbst. Diese so harmonischen, melancholischen, reinen und schönen Lieder stehen vollkommen konträr zu dem brutalen zwischenmenschlichen Geschehen auf der Bühne.

Das Besondere an den Aufführungen der Stücke mit den grandiosen Ensemble-Mitgliedern der ersten Stunden ist ihr Alter selbst.

So hat die Tänzerin Nazareth Panadero einmal in einem Interview gesagt: „Ich dachte ich werde mir so Mitte dreißig einen neuen Job suchen müssen, denn dann ist man als Tänzerin einfach zu alt. Ich bin heute Mitte Fünfzig und tanze immer noch in dem Pina Bausch Ensemble.“

Pina Bausch selbst hat die Faszination der verschiedenen Altersstufen an einem ihrer Stücke ausprobiert. So hat sie das Stück KONTAKTHOF mit ihren Tänzerinnen und Tänzern im Alter um die Dreißig aufgeführt. Im Jahr 2000 ließ die Choreografin Senioren das Stück spielen mit Damen und Herren ab 65 und im Jahr 2009 von Teenager ab 14 Jahren. Die Stücke wirken so anders, so unterschiedlich. So kann man sich auch die Wirkung der jungen Josephine Ann Endicott im Jahre 1977 bei der Uraufführung von KOMM TANZ MIT MIR vorstellen. Ein junges Mädchen, das einem Mann begegnet der ausprobiert, wie weit er gehen kann. Ein Macho der das unschuldige Wesen in vielen Spielarten zu unterdrücken versucht.

Anders wirkt es heute mit einer reifen Tänzerin, einer Frau einer Dame, deren Blütezeit und Straffheit schon vorüber ist, die aber alles daran setzt noch einmal einen Mann zu beeindrucken. Die ihre ganzen Reize ausspielt und doch schon gebrochen wirkt.

Das Stück KOMM TANZ MIT MIR ist ein kurzes aber heftiges Stück von Pina Bausch. Es geht zu Ende mit den letzten Tanzschritten des Paares ist und dann schwillt der Applaus an und will gar nicht enden. Und es geschieht beim 3 Vorhang: Das Opernhaus steht. Stehende Ovationen für das einmalige Tanztheater-Ensemble und für das Stück und posthum natürlich für Pina Bausch.

Und dann merkt es jeder Fan: Ließ sich Pina Bausch auch erst beim 3ten Vorhang auf die Bühne bitten. Sie wird nicht nie mehr zum Applaus kommen und wird doch so schmerzlich vermisst. Ihr Geist aber durchzieht das Opernhaus und donnernder Applaus erfüllt das erwürdige Haus.


Weitere Informationen unter:

www.pina-bausch.de


oder:
www.wuppertaler-buehnen.de


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