Im Alter von 73 Jahren ist am Montag Abend die amerikanische Schauspielerin Anne Bancroft im New Yorker Mount Sinai Hospital verstorben. Bancroft litt an Gebärmutterkrebs.
Von Dirk Jung
Eingestellt am 8. Juni 2005, 7:15 Uhr
Anna Maria Louise Italiano, so Bancrofts richtiger Name, wurde am 17. September 1931 im New Yorker Stadtteil Bronx als Tochter der italienischen Einwanderer Michael und Mildred Italiano geboren. Sie hatte eine ältere (Joanne) und eine jüngere Schwester (Phyllis).
Hinterhofbühne in der Bronx
Schon seit ihrem neunten Lebensjahr träumte sie davon, Schauspielerin zu werden. Ihre ersten Bühnenauftritte probte sie damals schon im Hinterhof, doch der Vater glaubte „Wer sind wir, dass wir diese Träume träumen?“. In der „Christopher High School“ zeigte sie in zahlreichen Schülerauftritten bereits Talent und im Gegensatz zu ihrem Vater wurde die junge Anna von der Mutter unterstützt.
Mit 17 Jahren lernte sie ihr Handwerk als Schauspielerin an der American Academy of Dramatic Arts in New York. Mit ihrem dortigen Abschluss 1950 reihte sie sich in die Riege von Absolventen wie Edward G. Robinson, Spencer Tracey, Lauren Bacall und Kirk Douglas ein.
Während in New York das Geschäft mit Live-Fernsehspielen florierte, trat Bancroft innerhalb von zwei Jahren in 50 Shows auf. Als sie 1952 nach Hollywood ging, nahm sie die 20th Century-Fox unter Vertrag. Der Künstlername Anna Marno, den sie sich zwischenzeitlich für ihre Fernsehrollen zugelegt hatte, musste sie auf Wunsch des Studios ändern – er sei zu ethnisch. Von ihrem neuen Arbeitgeber wurde ihr eine Liste mit verschiedenen Namen vorgelegt, aus denen sie „Bancroft“ wählte, da er nach ihrer Aussage „würdevoll“ klang.
Besser Broadway als B-Movies
Nach ihrem Film-Debut in „Versuchung auf 809“ (1952) zusammen mit Marilyn Monroe und Richard Widmark folgten zahlreiche B-Filme wie der „Der Würger von Coney Island“ (1954). Um sich weiter zu entwickeln, nahm Bancroft Unterricht an der "Herbert Berghof Acting School" sowie im "Actors Studio".
1958 verließ sie Hollywood wieder und spielte sehr erfolgreich am Broadway. Im gleichen Jahr erhielt sie für ihre Rolle der Gittel Moskowitz an der Seite von Henry Fonda in „Spiel zu zweit“ einen Tony Award. Zwei Jahre später wurde sie ein weiteres Mal mit der begehrten Trophäe belohnt. Unter der Regie von Arthur Penn als scheinbar hartherzige Annie Sullivan in „Licht im Dunkel“, einem Theaterstück über das Leben der blinden und tauben Helen Keller, konnte sie mit ihrem überzeugenden Spiel die Kritiker für sich gewinnen. Ebenso erhielt sie den "New York Critics Award". Beide Theaterstücke wurden später verfilmt, wobei Anne Bancroft bei der Besetzung von „Spiel zu zweit“ Shirley MacLaine den Vortritt lassen musste. Nicht aber bei der Leinwandversion des zweiten Dramas aus dem Jahre 1962, wieder inszeniert von Arthur Penn. Hier lieferte Bancroft ein weiteres Mal eine eindringliche Vorstellung, die nun nicht mehr nur den Theaterbesuchern vorbehalten war, sondern weltweite Beachtung fand – 1963 erhielt sie hierfür ihren ersten und einzigen Oscar. Damit ist sie eine von acht Schauspielerinnen und Schauspielern, die je den Oscar und den Tony Award für die gleiche Rolle im Film und auf der Bühne erhielt – weitere waren u.a. Joel Grey für Cabaret, Yul Brynner für Der König und ich oder Rex Harrison in My Fair Lady.
Mrs. Robinson, Sie versuchen, mich zu verführen
(Benjamin in „Die Reifeprüfung“)
Bekannt wurde Bancroft allerdings 1967 in ihrer Rolle als Mrs. Robinson in dem Film „Die Reifeprüfung“, in dem sie den jungen Benjamin (gespielt von dem damals fast unbekannten Dustin Hofmann) verführt. Der Titelsong „Mrs. Robinson“ von Simon&Garfunkel wurde ebenso wie der Film ein internationaler Erfolg. Sie erhielt eine Oscar-, eine Laurel-Awards- und eine BAFTA-Nominierung, der Film wurde 1968 mit dem Golden Globe ausgezeichnet und Mike Nichols als bester Regisseur mit dem Oscar.
Zwischen den Zeilen
Für Bancroft folgten viele Rollen. Eine der schönsten zeigt sie in „Zwischen den Zeilen“ („84 Charing Cross Road“, momentan auf Premiere zu sehen) nach der wahren Geschichte der Helene Hanff als Brieffreundin des Londoner Buchhändlers Frank P. Doel (gespielt von Anthony Hopkins). Für ihre Darstellung der Helene Hanff erhielt sie den BAFTA-Filmpreis als beste Schauspielerin. Unvergessen auch die jüdische Mutter, die sich konfliktreich mit ihrem schwulen Sohn in „Das Kuckucksei“ („Torch Song Triology“) auseinandersetzt.
1999 erreichte sie mit dem Gewinn eines Emmy Awards für ihre Nebenrolle in „Deep in my Heart“ die dreifache schauspielerische Ehrung: nach dem Oscar 1963 für „Licht im Dunkel“, den Tony Awards in den Jahren 1958 (für „Spiel zu zweit“) und 1960 („Licht im Dunkel“) machte sie der Emmy zum fünfzehnten Mitglied im erlesenen Club der Schauspielerinnen und Schauspieler, die in ihrem Leben alle drei Auszeichungen mindestens einmal erhielten.
Zu ihren zahlreichen Auszeichnungen zählt auch 1964 der Prix d'interprétation féminine der Filmfestspiele in Cannes für ihre Darstellung in "Der Schlafzimmerstreit" (The Pumpkin Eater).
Seit dem 5. August 1964 war sie mit dem Komiker, Produzent und Regisseur Mel Brooks verheiratet. Zusammen haben sie den 1972 geborenen Sohn Maximilian. Brooks brachte die Kinder Stephanie (geboren 1951), Nicholas (1952) und Edward (1953) mit in die Ehe. Bancroft war zuvor mit Martin May seit 1953 verheiratet und ließ sich 1957 wieder von ihm scheiden. Diese Ehe blieb kinderlos.




