Die Tatsache, dass einige Eliten der ganz großen Öffentlichkeit
verborgen bleiben, ist zwar einerseits sehr schade, kann aber
andererseits, aufgrund der so entstehenden Nähe zwischen Akteuren und
Zuschauern während einer Veranstaltung, dem engagierten Durchschnitt
ein außergewöhnliches Erleben ermöglichen.
Von Oliver Menn
Am 29. und 30.05.2005 war
ich auf dem "International Retriever Event at Sherborne Castle" Zeuge
eines solchen Ereignisses, bei dem oben erwähnte Nähe nichts zu
wünschen übrig ließ. Im Gegenteil...
Ich starte gar nicht erst
den Versuch von objektiver Berichterstattung, da jeder Versuch einer
Beurteilung von Leistungen und Aufgabenstellungen aufgrund meiner
überschaubaren Kompetenzen reine Anmaßung wäre. Außerdem wäre eine
technische Skizzierung der Aufgaben nicht das, was diesen tiefen
Eindruck bei mir hinterlassen hat.
Nun werden einige versucht
sein, zu sagen, dass dies emotionaler Nonsens ist und dass sich auch
dieser Workingtest auf Wind, Licht, Deckung, Distanz und Umfang der
Aufgabe herunterbrechen lässt. Doch diese Vorgehensweise würde
Sherborne nicht gerecht. Dabei sind die technischen Details enorm und
deren Beschreibung bereits abendfüllend. Die in den Aufgaben zu
bewältigenden Distanzen, spektakuläre Geländeübergänge, zu
überspringende Hindernisse an steilen Böschungen, riesige, vom Hund zu
durchquerende Flächen mit hüfthoher Deckung, große Wasserflächen mit
schwierigen Uferformationen, usw. ließen keinen Zweifel an einer
internationalen Meisterschaft. Beeindruckend auch das Technische Gerät,
das hier aufgefahren wurde. So kam hier eine Art stationärer
Dummylauncher zum Einsatz, der es ermöglichte per Fernsteuerung bis zu
12 Dummies hintereinander, exakt in ein Zielgebiet einer Aufgabe zu
feuern. Hohe Wiederholgenauigkeit gewährleistete Chancengleichheit für
die Hunde. Bequemen Shuttletraktoren, die, wenn gewünscht, Besucher und
Teams auf Strohballen von Aufgabe zu Aufgabe fuhren oder die zeitnahe,
für jeden einzusehende, fortlaufende Aktualisierung der Punktestände
auf einer großen Infotafel, zeichneten für mehr als professionelle
Weitsicht der Veranstalter.
Dennoch fand für mich das Ereignis
aber eher "zwischen den Zeilen" statt. Die BZG Sauerland hatte zwei 600
Jahre alte Cottages gemietet, die sie mit 8 Retriever - Begeisterten
bezog. Wer die Gegend um Sherborne kennt, weiß von der Liebe der
Engländer zur Pflege ihrer Flora zu berichten. Kilometerlange Hecken,
aufwendig gepflegt, auffallend viele gigantische Bäume, von denen jeder
Einzelne so manchem kontinentalem Postkartenmotiv das Fürchten lehren
könnte. Öffentliche Gärten präsentieren sich mit aberwitziger
Artenvielfalt und jahrhundertealte Kirchen- und Klosteranlagen
verströmen den Geruch von Historie und Tradition. Die kargen Küsten
bilden hierzu innerhalb weniger Kilometer einen atemberaubenden
Kontrast. Auch wenn mir bewusst ist, wie theatralisch dies klingen mag,
blendet man den "zivilisierten" Alltag, wie zum Beispiel den hektischen
Weltstadtmoloch London sehr schnell aus, und ist vielmehr an "Der Hund
von Baskerville", "King Arthur" oder F.H. Hodgson´s "Little Lord
Fauntleroy" (Der kleine Lord) erinnert. Die landesübliche Sprache
bewirkt das Übrige.
So eingestimmt am ersten Wettkampftag das
Gelände des Geschehens betretend, wird man schnell von einer Stimmung
mitgerissen, deren "in Worte fassen" ich hier versuche. Es ist die Ruhe
Aller. Die Ruhe der Richter, die der Organisatoren, die der Helfer, die
Ruhe der Teilnehmer und nicht zuletzt die der Hunde. Alles fühlt sich
an, wie ein jahrhundertealtes Ritual für dessen Umsetzung niemand mehr
Fragen stellen muss, für dessen Umsetzung jeder Anwesende weiß, was er
zu tun hat. Diese Souveränität, die man sich andernorts sooft beim
Umgang mit dem Hund wünscht, hier ist sie fühlbar.
Wenn einige
der besten Retriever Europas in 120m Entfernung unmittelbar nach dem
Stop - Pfiff welpengleich mit dem gesamten Hintern wedelnd auf das
nächste Kommando warteten, wenn Tophundehandler in den Wartezonen mit
ihren Hunden dicht an dicht in der Sonne lagen und dabei Hunde nach
erfolgloser Leckerchen - Suche ihre Nase minutenlang ruhig in der
Jackentasche des Handlers stecken ließen, wenn Hunde nach missglückter
Aufgabe dennoch schulterhoch an ihrem "Teamchef" hochsprangen, dann
konnte der Betrachter in Sherborne genau das beobachten, was
Buchautoren wie Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen oder Christiane Rohn
meinen, wenn sie beschreiben, wie wichtig Emotionalität und Intuition
im Umgang mit dem Hund ist. Mir jedenfalls hat das offensichtliche
Urvertrauen einiger Tiere zu ihren Handlern den ein oder anderen Klos
in meinem Hals bereitet.
zum 2. Teil "Gefesselt von Unerwartetem" >>